1. November 2017

Lösung für Trinkerszene gesucht

kopiert aus dem Weser Kurier
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Lösung für Trinkerszene gesucht

, 29.10.2017
SUD Neustadt Lucie-Flechtmann-Platz
Auf dem Lucie-Flechtmann-Platz haben Anwohner Gartenanlagen errichtet. (Roland Scheitz)

Ihre Hunde bellen Passanten an, sie hinterlassen viel Müll, gelegentlich prügeln sie sich oder schreien in den späten Abendstunden betrunken herum. Anwohner und Stadtgärtner auf dem Lucie-Flechtmann-Platz berichten immer wieder von Schwierigkeiten mit der Trinkerszene auf dem Platz. Von Januar bis September hat sich wie berichtet eine vom Neustädter Beirat bezahlte Sozialarbeiterin der Inneren Mission darum bemüht, die Lage zu entschärfen. Das sei zum Teil auch gelungen, bescheinigten ihr nun Mitglieder des auf der „Lucie“ tätigen Vereins „Kulturpflanzen“ sowie Stadtteilpolitiker während der jüngsten Sozialausschusssitzung des Beirates. Nun fordern die Neustädter von der Sozialsenatorin, dass der Dauerkonflikt auch nach dem Ende der Beiratsinitiative mit professioneller Hilfe befriedet wird.

Vieles verändert sich in diesen Wochen auf dem Platz (wir berichteten), der seit Kurzem erst vertraglich geregelt in der Obhut der Stadtgärtner liegt. Schon bald rücken die Bagger an, um die Pflastersteine zu beseitigen. Danach sollen ein großer Kinderspielplatz entstehen sowie geschwungene Wege, Beete und eine Bühne. Schick soll er werden, der Platz, und wegkommen von seinem bisherigen Schmuddelimage während der Zwischennutzung auf dem Beton. Das betonten Vertreter der Baubehörde ganz besonders: „Es bleibt ein öffentlicher Platz für alle und wir haben den Anspruch an eine gewisse Qualität“, so Rainer Imholze.

Miteinander statt Vertreibung

Umso skeptischer steht er dem Vorschlag der Sozialarbeiterin gegenüber, einen mobilen Unterstand für die Trinker auf dem Platz einzurichten. „Besonders zum Schutz der Kinder sollten wir das genau abwägen, ob dort ein Unterstand für diese schwierige Klientel aufgebaut werden soll“, pflichtete ihm Stadtplaner Christian Schilling bei. Er sehe dadurch möglicherweise das ganze Stadtgarten-Projekt bedroht, das so mühevoll auf dem Lucie-Flechtmann-Platz nun dauerhaft etabliert worden sei. Bertold Reetz von der Inneren Mission verwies hingegen auf die Vorteile der Idee. Immerhin seien die Trinker dadurch lenkbarer. „Wenn man diese Menschen sich selbst überlässt, steuern sie Stellen an, die eventuell noch konfliktträchtiger sind.“ Mit einem festen Platz, neben dem auch eine mobile Toilette vorgesehen sein müsse, wäre das anders. „Das setzt allerdings zwingend voraus, dass wir mindestens eine halbe Streetworker-Stelle finanziert bekommen, das sind 25 000 Euro im Jahr.“ Denn ohne intensive Betreuung der alkoholkranken Menschen werde die Lage unkontrollierbar. Platzverbote wie sie gelegentlich von der Polizei ausgesprochen werden, hält Reetz dagegen für falsch: „Das löst das Problem nicht, sondern verschiebt es nur.“

Der Verein „Kulturpflanzen“ setzt große Hoffnungen in die Sozialarbeit. „Wir als Laien können das Problem nicht lösen“, sagte der Vorsitzende Armin Schmid. Aus Sicht der Stadtgärtner sei es keine Lösung, die Trinkerszene zu vertreiben, aber das gute Miteinander stehe im Vordergrund. „Es darf auch nicht sein, dass ein Unterstand immer mehr Trinker anzieht, dann würde er das Ziel verfehlen“, so Schmid. Ein gebührender Abstand vom Kinderspielplatz sei darüber hinaus Grundvoraussetzung für den Versuch, den alkoholkranken Menschen einen festen Platz zuzuweisen.

„Ein erster Schritt wird kein Unterstand sein, sondern es muss zunächst Personen geben, die sich weiterhin professionell um diese Menschen kümmern. Daraus ergibt sich erst alles andere“, fasste Beiratssprecher Jens Oppermann (SPD) das weitere Vorgehen zusammen. Und die Zeit drängt: „Wenn wir noch rechtzeitig vor den Haushaltsverhandlungen unsere Forderung nach finanzieller Hilfe formulieren wollen, müssen wir in den kommenden zwei Wochen intensive Gespräche führen“, so Ortsamtsleiterin Annemarie Czichon.
Und da sollen auch die Betroffenen mit einbezogen werden, so die einhellige Meinung. „Die Stadt und damit die Sozialsenatorin muss Verantwortung übernehmen für diese Menschen“, forderte Ausschusssprecher Rainer Müller (SPD) mit dem klaren Ziel vor Augen: „Alle sollen sich dort auf dem Platz wohlfühlen.“

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